NGZ von 2022

Dies ist der Zeitungsartikel von der NGZ (Neuss-Grevenbroicher-Zeitung)

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Selbstständig leben mit Handicap

Martin Krefta lebt in seiner ersten eigenen Wohnung. Das Team des Ambulant Betreuten Wohnens ermöglicht dies.

VON KIRA BAYER DORMAGEN

Wenn Sozialarbeiterin Melanie Habmann sieht, was für große Fortschritte Martin Krefta macht, leuchten ihre Augen. Der 25-Jährige ist seit rund zehn Jahren fast vollständig erblindet. Hinzu kommen eine Schwerhörigkeit und Nervenkrankheit, durch die er auf den Rollstuhl angewiesen ist – all das sind Faktoren, die auch die Psyche belasten. Dass er heute trotz der Handicaps nahezu eigenständig in seiner eigenen Wohnung leben kann, hat er unter anderem dem Team des Ambulant BetreutenWohnens der St. Augustinus Behindertenhilfe zu verdanken.

Seine Einzimmerwohnung ist gemütlich, modern und aufgeräumt. „Das muss sie auch sein, damit Herr Krefta durch das Ertasten seiner Möbelstücke weiß, wo er sich befindet. Alles muss genau an seinem Platz sein“, erklärt Melanie Habmann, die ihn regelmäßig im Alltag unterstützt. Bevor der Dormagener sein neues Zuhause beziehen konnte, hat er gemeinsam mit seinen Betreuerinnen mehrfach die verschiedenen Wege zur Küche, zum Bad, oder zur Terrasse zurückgelegt, um sich alles bildlich vorstellen zu könne

Krefta bei seinen Eltern, doch es war sein großerWunsch sein eigenes Reich zu haben. „Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger Dinge selbst gemacht habe. Mein Vater und meine Mutter sind sehr liebevolle Menschen und haben somit vieles für mich übernommen – vom Essenkochen bis hin zu jeglichen Hausarbeiten“, erzählt er. „Um meine Selbstständigkeit zumindest teilweise zurückgewinnen zu können, musste ich diesen Schritt gehen. Natürlich sind meine Eltern immer noch fest an meiner Seite.“ Aber jetzt bereitet er sich eben selbst sein Frühstück zu, duscht sich ohne Hilfe, legt seine Anziehsachen für den Tag raus, holt die Post und bereitet sich auch mal Fertiggerichte in der Mikrowelle zu. „Wenn ich nicht weiß, wie lange das Gericht erwärmt werden muss, nutze ich zum Beispiel die App ‚Be my Eyes‘, die mich automatisch per Videochat mit einem Freiwilligen verbindet, sodass ich mir die Anleitung zur Zubereitung vorlesen lassen kann. Dann stelle ich den Timer entweder per Sprachbefehl in meiner Smartwatch oder über meine Alexa ein.“

Dass Krefta technikaffin ist, hilft nicht nur ihm im Alltag, sondern auch anderen. „Er kennt sich so gut mit Smartphones aus, dass er selbst mir oft Sachen erklärt“, lacht seine Betreuerin. Aber auch viele andere Personen profitieren inzwischen von seinem Wissen. So gründete der iPhone-Experte die Facebook- Gruppe „Apfel-Community“, in der er Menschen mit Beeinträchtigung alle Kniffe rund um das Apple-Gerät erklärt – mittlerweile nutzen rund 400 Anhänger das Angebot. „Ich habe das Ganze ins Leben gerufen, um eine Schnittstelle für Menschen mit Einschränkung und Sehende zu schaffen und weil mir die Inklusion sehr am Herzen liegt.“ Mit dieser Aufgabe sei Martin Krefta täglich gut beschäftigt. Aber auch viele weitere Möglichkeiten eröffnen sich ihm durch die digitalen Medien: So mag er Hörbücher vom Autor Sebastian Fitzek und schreibt auch selbst eigene Kurzgeschichten an einem speziellen Laptop – zu lesen und zu hören auf seiner Homepage martinkrefta.de.

Daneben hat er auch abseits der digitalen Welt gut zu tun und arbeitet halbtags in der NeusserWerkstatt für behinderte Menschen – seine Betreuerinnen motivierten ihn dazu, damit er eine geregelte Tagesstruktur hat. „Ich finde das klasse, was Herr Krefta auf die Beine gestellt hat“, freut sich seine Betreuerin. Die 43-Jährige begleitet den jungen Hobby-Autor seit eineinhalb Jahren und liebt ihren Beruf: „Der gemeinsame Weg mit Klientinnen und Klienten ist manchmal steinig, aber letztendlich wachsen beide Seiten an den Herausforderungen.“ Dabei sei kein Tag wie der andere: „Das Schöne an meinem Job ist, dass ich mir meine Termine flexibel legen kann. Aber es kommen auch mal Sachen dazwischen, zum Beispiel wenn Klienten einen Konflikt haben. Das macht meine Arbeit gerade so interessant.“

Aktuell arbeiten fünf Betreuerinnen und Betreuer mit ganz unterschiedlichen Hintergründen beim Ambulant Betreuten Wohnen in Dormagen – weiteres Fachpersonal ist herzlich willkommen, wie Bereichsleiterin Uta Schulte-Kaubrüggererklärt. „Voraussetzung ist eine Ausbildung im pflegerischen oder sozialen Bereich. Wir haben zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen, die zuvor im erzieherischen oder pädagogischen Bereich tätig waren. Diese schulen wir dann mithilfe von Fortbildungen. Wichtig ist aber vor allen Dingen die Empathie, also die Fähigkeit, sich in Menschen einfühlen zu können.“ Für Melanie Habmann sind die Fortschritte ihrer Klienten ihr größter Lohn: „Unsere Aufgabe ist es, Menschen mit Beeinträchtigungen zu motivieren, genau die Dinge auszuprobieren, die sie sich selbst vielleicht nicht zugetraut haben. Wenn sie das geschafft haben, dann macht mich das unglaublich glücklich. Das treibt mich an.“ Und auch bei Martin Krefta sieht die Sozialarbeiterin eine tolle Entwicklung: „Er macht das großartig und natürlich gibt es immer wieder Tage, die nicht leicht sind, aber die bewältigen wir dann gemeinsam.“

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